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Rezension: #Terror #Ferdinand_ von_Schirach- #Piper

Der Autor dieses zum Nachdenken einladenden Theaterstücks ist der Erzähler Ferdinand von Schirach. Es handelt sich um ein Gerichtsdrama, das die Leser dazu veranlasst, über #Grundwerte in unserer Gesellschaft sowie den Sinn und die Notwendigkeit von Entscheidungen zu reflektieren.

Der Autor verfasste das Theaterstück bereits vor dem Anschlag auf die Zeitschrift "#Charlie_Hebdo".

Gegenstand der Verhandlung ist die Tat eines Kampfpiloten, der sich vor Gericht dafür verantworten soll, dass er ein Passagierflugzeug der Lufthansa gegen die Anweisung seines Vorgesetzten abgeschossen hat. Alle 164 Passagiere sind dabei ums Leben gekommen. 

Der durchaus verantwortungsbewusste Kampfpilot, der zu seiner Tat steht, wollte durch sein Handeln das Leben von 70 000 Zuschauern eines Fußballspiels retten. Er sah darin die einzige Chance, den Terroristen, der sich in der Lufthansa-Maschine befand,  daran zu hindern,  seinen Terrorakt in die Tat umzusetzen und wartete bis zum letzten Moment. Dann erst handelte er, weil sein Vorgesetzter offenbar die Verantwortung scheute, den Tod von 140 Menschen unrechtmäßig in Kauf zu nehmen.

Die 70 000 Menschen, die es zu retten galt, hatte man übrigens nicht rechtzeitig aus dem Stadion evakuiert, obschon genügend Zeit dazu vorhanden gewesen wäre. Hierin ist meines Erachtens das eigentliche Problem zu sehen. 

Ferdinand von Schirach zeigt auf, was für und gegen die Verurteilung des Kampfpiloten spricht und lässt diese Gründe auf Zuschauer und Leser des Theaterstücks wirken. Es geht u.a. um die Würde des Menschen als unveräußerliches Recht. Hierbei handelt es sich um die wichtigste Aussage der Verfassung. Dieser Artikel darf nicht geändert werden, solange unser Grundgesetz Bestand hat. Das Bundesverfassungsgericht sagt, ein Mensch dürfe niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handelns werden, denn dann habe man ihm seine Würde entzogen. Genau das aber wäre der Fall, wenn man den Kampfpiloten von seiner Schuld freisprechen und keine Entschuldigungsgründe  anführen würde.

Ein übergesetzlicher Notstand, der weder im Strafgesetzbuch oder in anderen Gesetzen geregelt ist, wird in der Folge als Möglichkeit angeführt. Das ist aber keine überzeugende Argumentationgrundlage, wenn das Grundgesetz unbeschadet bleiben soll.

Können 140 Menschen für das Leben von 70 000 Tausend Menschen geopfert werden, wenn keine andere Chance besteht? Setzt man dadurch unsere Verfassung außer Kraft? Spielt dies am Ende eventuell  überhaupt keine Rolle, wenn es  um solche Abwägungen geht?

Wie sehr darf man sich von Terroristen provozieren lassen, die mit ihren Handlungen die Grundwerte unserer Demokratie auf niederträchtige Weise in Frage stellen? Hilft eine umsichtige Prävention, solche Situationen, wie im Fall dargestellt, grundsätzlich zu vermeiden? Offenbar schon, wie jüngst in Hannover bei dem kurzfristig abgesagten Fußballspiel gezeigt wurde.

In der Rede, die von Schirach zur Verleihung des M 100-Sanssouci Medien Preises an Charlie Hebdo hielt, sagt er, dass nach seiner Meinung die aufgeklärte Demokratie auch Terroristen, auch Menschen, die unsere Gesellschaft zerstören wollen, nur mit den Mitteln des Rechts begegnen dürfe, denn dadurch erweise sich die Wehr- und Wahrhaftigkeit unseres Rechtsstaates . 

Im Zweifel für die Freiheit oder doch eher für die Sicherheit? H`m? Im Zweifel für die Prävention und gegen Schlamperei  zuständiger Behörden.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Piper und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern. http://www.piper.de/buecher/terror-isbn-978-3-492-05696-0

Rezension: #Anton_Cechov: Späte #Erzählungen in zwei Bänden 1893-1903- #Diogenes

Autor der vorliegenden Erzählungen ist der russische Arzt und Schriftsteller Anton Cechov (29.1.1860- 15.7.1904).  Der berühmte Literat erkrankte 1898 an Tuberkulose und hielt sich fortan in Südrussland  sowie in westeuropäischen Kurorten auf. Seine schriftstellerische Vita zeichnet sich durch knapp gehaltene Erzählungen aus. 

Wie man den beiden Erzählbänden entnehmen kann, hat Cechov auch in reiferen Jahren seinen Sinn für Humor nicht verloren, wobei er nun aber anstelle der direkten Komik und Satire seiner jungen Jahre  eine zum Teil heitere  gleichwohl auch melancholische Ironie einbringt, die die tragischen Momente menschlichen Zusammen- und Alleinseins reflektiert. 

Die Bücher enthalten insgesamt 32 Erzählungen und 4 Fragmente. Unter den Texten findet man u.a. die Erzählungen "Die Dame mit dem Hündchen", "Der schwarze Mönch", "Über die Liebe", Die Braut" und „Rotschilds Geige“. 

Zu jedem Werk kann man im Anhang mehr über die  Publikationsgeschichte, die Entstehung, über Selbstaussagen und Reaktionen als auch Stellenkommentare in Erfahrung bringen. 

Nicht zu vergessen, die  hübschen Vignetten der beiden Einbände stammen von Tomi Ungerer. Natürlich ist es nicht möglich,  nun im Rahmen der Rezension auf die 32 Erzählungen konkret einzugehen, obschon mich speziell eine Interpretation des Textes  "Die Dame mit dem Hündchen" sehr reizen würde. 

Interessant ist es generell mittels der Erzählungen über die damalige, russische Gesellschaft, über den sich auflösenden Gutsadel, das neu entstandene Kleinbürgertum sowie die Intellektuellen Wissenswertes  in Erfahrung zu bringen und in diesem Zusammenhang über zwischenmenschliches Verhalten und soziale Missstände   in der damaligen Zeit  unterrichtet zu werden. 

Cechov knüpft an den Realismus an, gleichwohl aber sind seine feinsinnigen Darstellungen und die Interpretation seelischer Zustände und Stimmungen auch dem europäischen Impressionismus und Symbolismus verbunden. 

Zwei Zitate aus "Die Dame mit dem Hündchen" möchte ich zum Schluss hier einbinden, um zu zeigen, dass  bereits zwei Sätze genügen, um neugierig auf diese Bücher zu  machen

"Und erst jetzt, als sein Haar grau wurde, liebte er, wie es sich gehört, liebte wahrhaftig- zum ersten Mal im Leben." 

"und beiden war klar, dass es bis zum Ende noch sehr-sehr weit war und dass das Komplizierteste und Schwierigste eben erst begonnen hatte"

Sehr empfehlenswert

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum diogenes-Verlag und können die beiden Bücher bestellen. Sie können Sie aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.diogenes.de/leser/katalog/nach_autoren/a-z/c/9783257069402/buch

Rezension: ROH- Sex, Lügen& Rohkost- Der Roman-#Angelika_Fischer- HEIN-VERLAG

Autorin des vorliegenden Romanes ist #Angelika_Fischer. Sie hat bereits das Sachbuch "Das große Rohkost-Buch" publiziert. Die passionierte #Rohköstlerin betreibt die AllesRoh-Website und ein praxisorientiertes Forum für Rohköstler sowie Interessierte. Für den Roman hat sie 12 Jahre recherchiert und Erfahrungen, aber auch Wünsche und Träume aus der Rohköstlerszene in die Handlung gekonnt verwoben.

Im Vorwort schreibt #Johanna_Eberl, nach einem kleinen philosophischen Exkurs, der in die Antike führt, dass Gesundheit in der heutigen Überflussgesellschaft zur Mangelware geworden und das Verhältnis des modernen Menschen zu seiner Nahrung in mehrfacher Hinsicht gestört als auch polarisiert sei zwischen #Diätwahn und #Fresssucht. 

Dabei ließen sich #Zivilisationskrankheiten zumeist auf ungesunde Ernährungsgewohnheiten zurückführen. Nicht nur die gesunde Ernährung sei gekippt, darüber hinaus sei das traditionelle Familienmodell in Frage gestellt. Partner-Börsen, Clubs und Seminare dienten heute dazu, die große Liebe zu finden, während andere ihre Zeit mit One-Night-Stands und Gelegenheitspartnern zubrächten. Trotz dieser Gegebenheiten bliebe jedoch die Frage nach der richtigen Ernährung und der wahren Liebe von größter Aktualität. 

Johanna Eberl fasst in ihrer kurzen Darstellung die wichtigsten Gedanken des Romans zusammen, in welchem die Protagonistin Veronika vielerlei Erfahrungen sammelt, sowohl real als auch virtuell. 

Zu Romanbeginn leidet Veronika an #Asthma und #Neurodermitis, zudem ist sie mit ihrer Figur nicht einverstanden. 

Die Hautkrankheit Neurodermitis hat in den vergangenen Jahren in der westlichen Welt stark zugenommen. Asthma und Neurodermitis scheinen nicht zuletzt Folgen veränderter kultureller und zivilisatorischer Umstände zu sein, ganz ähnlich wie Übergewicht. Veränderte Umweltbedingungen und denaturierte Ernährung sind diesbezüglich in den Fokus geraten. Aus diesem Grund auch stellt Veronika ihre Ernährung um und isst fortan nur noch Rohkost. 

Die junge Frau lebt in vieler Hinsicht die Klischees ihrer Zeit aus, besucht einen Salsa-Kurs, chattet auf einer #Rohkostplattform und lernt eine Vielzahl typischer Menschen der von ihr beschrieben Szene kennen. Über diese Kontakte liest man im Buch Spannendes aber auch viel Schräges und darf über all das staunen, was einem bis dahin als Nichtrohköstler fremd war. 

Auf einzelne Personen hier näher einzugehen, würde vermutlich eher verwirren als zur Erhellung der Gesamthandlung beitragen, die Veronika letztlich sogar nach Paris in ein Schloss führt…

Mehr darf nicht verraten werden, außer dass kein spröder, sondern vielmehr ein hintergründig witziger Text dem Leser eine ungewohnten Lesegenuss schenken wird. 

"Sex, Lügen und Rohkost" sind die Mixtur dieses inhaltlich äußerst ungewöhnlichen Romans, in dem viel Zeitgeist verarbeitet worden ist, man Menschen auf der Suche erlebt, die in mancher Hinsicht entwurzelt scheinen. 

Nach "Sex and drugs and rock and roll / is all my brain and body need / sex and drugs and rock and roll / is very good indeed.", einer Geisteshaltung der späten 1970er Jahre und "Sex and the City" einem  Thema  zwei Jahrzehnte danach, jetzt "Sex, Lügen und Rohkost", mit dem nun zumindest "Alles, was sie über Sex wissen wollten" seinen Abschluss gefunden hat. 

Hedonismus war gestern, heute ist Rohkost das Gebot der Stunde. Die Presse der letzten Tage stimmt dabei mehr als nachdenklich. Verarbeitete Wurstwaren erhöhen das Krebsrisiko, liest man in den Medien ja nicht erst seit gestern, doch nun teilt die Weltgesundheitsorganisation WHO aufgrund einer Studie mit, dass Wurst und Schinken als krebserregend eingestuft werden müssen. 

Jene, die ungekochte Speisen zu sich nehmen, führen dem Körper "heile" Stoffe, so etwa Sekundärpflanzenstoffe, Vitamine, Enzyme, unraffinierte Fette  sowie Kohlenhydrate und nicht denaturierte Proteine bzw. Aminosäuren zu und fördern damit seine körperliche Gesundheit. 

Wie sich  ein solch veränderte Ernährung auf Seele und Geist auswirkt, macht neugierig und ist ein Grund mehr, es einfach mal auszuprobieren. Der Roman dient als Einführung in ein neues Lebensgefühl.

Sehr empfehlenswert. 

Rezension: #Frauen.Geschichten #Andreas_Altmann-#Piper

Der Autor des vorliegenden Buches, das mich an eine Endlosbeichte erinnert, die den Leser zu einem katholischen Geistlichen im Beichtstuhl mutieren lässt, der zu Absolutionshandlungen genötigt wird, ist der überaus renommierte Schriftsteller Andreas Altmann, der u.a. mit dem #Egon_Erwin_Kisch_Preis, dem #Seume_Literaturpreis und dem #Reisebuch_Preis ausgezeichnet ist.

Altmanns #Frauen.Geschichten machen deutlich, dass er ein #Casanova ist. Ähnlich wie einst der große Venezianer auf Schloss Dux ist Altmann mittlerweile nicht mehr der Jüngste. Erinnerungen wollen nun zu Papier gebracht werden, allerdings ist er vielleicht noch zu jung, um ein endgültiges Fazit zu  ziehen.

Im Gegensatz zu Casanova war der aus Bayern stammende Frauengeschichten-Erzähler nicht in den Bleikammern Venedigs eingekerkert, sondern wuchs im Dunstkreis von Weihrauch in #Altötting als Kind eines #Devotionalienhändlers auf. Das Gefühl der Einengung mag allerdings ähnlich auf den dann folgenden Lebenshunger gewirkt haben. 

Die Memoiren, eine Art Autobiografie mit Schwerpunkt Frauengeschichten, siedeln den eloquenten und dabei leicht spöttischen Waage-Mann in der Nähe von Goethe an, der wie Altmann in jungen Jahren offenbar gewisse sexuelle Probleme hatte, die seine Entwicklung prägten. 

Ob sich aus dieser Problematik oder aus seiner Mutterbeziehung oder aus etwas Drittem heraus seine Affinität für Frauen entwickelt hat, ist letztlich unerheblich. Erfreulich ist, dass  es sie gibt und dass er nun eine über 300 Seiten umfassende, streckenweise poetische Liebeserklärung geschrieben hat, die der Frau als Faszinosum in allen Frauen gilt. 

Hesses "Goldmund" fiel mir ein als ich das Buch las, doch ist Altmann letztlich nicht wie er. In ihm ist auch viel "Narziss". 

Dieser bekennende Frauenmann kennt Treue offenbar  nur sich selbst gegenüber, er liebt Frauen und lehnt Männer ab, die diese erniedrigen, beleidigen, entwerten. Er will Ritter sein und ist es auf seine Weise stets. Gewalt gegen Frauen ist sein Ding nicht. Er möchte geliebt werden, um selbst lieben zu dürfen und er möchte vor allem frei sein.

Einen Lolita-Komplex hat er  auch nicht, wie er sich selbst analysiert. Stattdessen sind ihm “gesetzte Herren, die nach Nymphen Ausschau halten und närrisch nach deren Pfeife tanzen ein Gräuel.“ 

Ihn beruhigen starke Frauen, weil sie ihn nicht an seine Mutter erinnern, deren Schwäche ihn krank machte vor Wut. 

Altmanns spannend zu lesendes Buch ist, das sei nochmals gesagt, eine Liebeserklärung an fast alle Frauen. Sein Casanovatum vergibt man ihm sofort. Ihn als "Pascha" zu bezeichnen, wie eine Frauenzeitschrift es tat, halte ich für aberwitzig. 

Als Buße für seine Beichte muss Andreas Altmann noch 10 weitere Bücher schreiben. Das kommt davon, wenn man seine Leser zu Beichtvätern bzw. –müttern umfunktioniert. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Piper und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordernhttp://www.piper.de/buecher/frauengeschichten-isbn-978-3-492-05588-8

Rezension: Interventionen- Michel Houllebecq- Essays Dumont

Michel Houellebecq zählt zu den wichtigsten Autoren der Gegenwart. Dieser brillante, französische Schriftsteller wurde mit dem renommiertesten Literaturpreis seines Heimatlandes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet.

Seine Texte schätze ich sehr, weil sie stets bemerkenswert analytisch und sozialkritisch angelegt sind.

Das vorliegende Buch enthält 28 Essays, die von Hella Faust aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurden.

In seinen Essays analysiert er die sozialen und kulturellen Missstände im Hier und Jetzt auf vielschichtige Weise.

Das Kompendium verbindet die Einzelbände "Die Welt als Supermarkt. Interventionen" und "Ich habe einen Traum. Neue Interventionen". 

Sein Essay "Die Feier" beginnt mit nachstehenden Worten "Das Ziel der Feier ist es, uns vergessen zu machen, dass wir einsam, elend und dem Tode geweiht sind. Anders gesagt, es ist das Ziel der Feier, uns in Tiere zu verwandeln. Deshalb hat der Primitive ein hoch entwickeltes Gespür fürs Feiern."

Wenig später fragt Houellebecq hintersinnig:"Was rechtfertigt es im Grunde, miteinander vereint zu sein`?

Dann beginnt seine Analyse, wie immer beinhart und endet in dem Resümee, dass mit zunehmendem Alter die Verpflichtung zu feiern abnehme, der Hang zur Einsamkeit sich hingegen vermehre, weil das wirkliche Leben wieder die Oberhand gewönne.

Es ist diese Tristesse, die es unmöglich macht, Houellebecq als Sommerlektüre zu preisen. Sie  haftet an ihm wie eine zweite Haut.

Lese ich Sätze wie "Die Welt als Supermarkt und Hohn" zucken mir die Mundwinkel und ziehen sich bedenklich nach unten, wenn ich  mit dem Satz "Die Frage der Pädophilie" konfrontiert werde. Wieso schafft es Houellebecq immer wieder,  einen  in seine düstere Stimmung zu locken, die keiner braucht und keiner will?

Ganz einfach, weil er unglaublich gut schreiben kann, weil er nachdenkt wie kaum ein anderer, weil er den Schatten stets  kühn betrachtet und analysierend auseinander nimmt, kurzum, weil er hinreißend intellektuell ist..

Ein gutes Buch, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt.

Empfehlenswert.

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Dumont-Verlag und können das Buch bestellen. http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Michel_Houellebecq_Interventionen/15312. Sie können es aber auch direkt beim Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Sternenreiter- Kleine Sterne leuchten ewig- Jando-KoRos Nord

Diese bezaubernde Geschichte für junge und im Herzen jung gebliebene Menschen des Autors Jando wurde bereits 30. 000 Mal verkauft und auch in die koreanische Sprache übersetzt. 

Hinter dem Pseudonym "Jando" verbirgt sich der norddeutsche Autor Jens Koch, der gerade auf "Buch, Kultur und Lifestyle" am Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilgenommen hat.

Ehrenamtlich engagiert der Autor sich für die Kinderhilfsorganisation "Ein Herz für Kinder" und unterstützt die Robben-Kampagne der Tierrechtsorganisation PETA. 

Der "Sternenreiter" wird bald verfilmt. Ein Filmproduktionsunternehmen hat sich  bereits die  Rechte dazu gesichert.  Jando wirkt am Drehbuch mit und verleiht ihm insofern eine persönliche Signatur. 

Als ich den "Sternenreiter" las, dachte ich natürlich sofort an das Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Dies ist Jandos lebensklugen Gedanken geschuldet, die in die Geschichte eingebunden sind, aber auch der textlichen Atmosphäre, die diese Geschichte märchenhaft gestaltet. 

Die fünfzehn farbigen Illustrationen von Antjeca entführen ähnlich wie die Zeichnungen bei Saint-Exupéry in Traumwelten. 

Ich werde mich hüten, den Inhalt der Geschichte hier verkürzt wieder zu geben, in der der Ich-Erzähler Mat durch die Gespräche mit einem kleinen totkranken Jungen lernt, die tatsächlich wichtigen Werte und seine Träume endlich zu leben, nachdem er, bedingt durch einen schweren Verkehrsunfall und einen langen Aufenthalt im Krankenhaus, vom Schicksal eine Auszeit verordnet bekam. 

Hervorheben möchte ich, dass der Text nicht nur inhaltlich sondern auch stilistisch sehr reizvoll ist und man sich immer wieder über die Eleganz und Klugheit des Autors freut. Vielleicht muss man lange genug aufs Meer geblickt haben, um so schreiben zu können. Vermittelt wird geistige Weite pur.

Jando ist ein Botschafter der Liebe. Insofern wundert es nicht, dass er sein Buch mit einer essentiellen Liebes-Botschaft beginnt, die ich hier wiedergeben möchte:

Der wertvollste Samen, 
der in die Erde eingesetzt wird, 
ist die Liebe. 
Sie wächst überall dort, 
wo sie gesät wird. 

Oft sind es ja Schicksalsschläge, die den Menschen dazu veranlassen, innezuhalten, darüber nachzudenken und zu hinterfragen, wie weit man sich bei all seinem agilen Tun von sich und seinen Mitmenschen bereits entfernte? 

Hat man sich je erlaubt, seine Träume zu leben? Was haben der Alltag und das Erfolgsstreben aus uns gemacht? Nicht allen begegnet sofort eine Lichtgestalt, die dabei hilft, innerlich gesund zu werden, aber wenn man sich öffnet, dann geschehen zumeist Dinge, die uns zu unserem höheren Selbst führen und dabei helfen, liebevollen Zugang zu anderen zu finden. Das ist keine Fiktion. Das ist Realität.

Wunderbar und so wahr sind Sätze wie "Manche Wege, die wir wählen, benötigen Zeit. Es ist wie bei den Äpfeln: Sie fallen erst vom Baum, wenn sie reif sind“. (S.84) 

Zu diesem Satz fallen mir Hunderte von  Beispiele ein, die ihn bestätigen. Geduld ist gefragt, Engelsgeduld. Das ist nicht immer einfach.

Auf Seite 103 dann wird man mit einer Kernwahrheit des Lebens konfrontiert: 

"Wenn du anfängst dich selbst zu achten, zu lieben und zu akzeptieren, erschließen sich Dir neue Wege. Du wirst merken, wie dir neue Anerkennung und Liebe begegnen wird.“ 

Dieser Satz ist nicht nur der Schlüssel zum Buch, sondern zu einem erfüllten Leben überhaupt.

Eine wunderbare Geschichte,  sehr lehrreich und das Herz berührend.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Hier der Link zur Website:http://jandoautor.com/

Das Buch ist überall im Fachhandel erhältlich.

Rezension Peter J. König: "Zeig dich Mörder"- Louis Begley- Suhrkamp

Louis Begley hat in seinem neuen Roman "Zeig dich Mörder", erschienen im Suhrkamp Verlag, mit eindrucksvollem Insiderwissen und messerscharfer Analyse die Geschichte von Jack Dana erzählt, der als Spross einer Upperclass East-Coast Familie mit dem Selbstmord seines geliebten Onkels konfrontiert wird. 

Dieser, ein angesehener Anwalt in einer sehr renommierten Kanzlei in Manhattan, war nach dem frühen Tod von Danas Eltern, alleinstehend, die einzige Bezugsperson, die dem jungen Jack Halt und Orientierung, aber auch familiäre Liebe gegeben hat. Mit seiner abgeklärten Art, seiner klaren Haltung und seinem kulturellen Savoir-Vivre war er stets das Vorbild und der Gesprächspartner für den jungen Yale-Absolventen. Jedoch anders als sein Onkel ist er dem Vorbild seines Vaters gefolgt und hat anschließend sich freiwillig zu einer Ausbildung bei den Marines entschieden, einer der härtesten Elite-Truppen die das amerikanische Militär kennt. 

Als solcher erlebte er sowohl den Krieg in Afghanistan als auch im Irak, als er im Rang eines Captains, schwer verwundet, nach seinem Aufenthalt im Militärhospital den Dienst quittiert hat. Zurück in New York und damit wieder in der Nähe seines Onkels, begann er einen ersten Roman über seine Kriegserlebnisse zu verfassen. Dass dieser auf Anhieb überaus erfolgreich bei den Lesern ankam, hatte er sich auch nicht träumen lassen. Ebenso wenig hatte er vermutet, dass eine junge Anwaltskollegin, die seinem Onkel assistierte sehr bald nach seiner Rückkehr nach Manhattan eine feste Liebesbeziehung mit ihm eingehen sollte. Nach seinem ersten Roman folgte ein zweiter, ebenso erfolgreich. Dass Hollywood ihn auch noch verfilmt hat, ließ ihn zu einem vermögenden Mann werden. 

Nach einer Reise in den brasilianischen Mato Grosso, ein Mandant seines Onkels besaß dort eine große Rinderfarm, bestens geeignet um fernab der Welt sein drittes Buch zu schreiben, wurde er bei der Rückkehr von der Nachricht überrascht, dass sein geliebter Onkel sich in seinem Ferienhaus auf Long Island erhängt haben soll. Zudem war seine langjährige Sekretärin einen Tag später vor die U-Bahn gestürzt und dabei ebenfalls ums Leben gekommen. Niemals hätte sein Onkel, ohne ihn zuvor noch einmal gesehen zu haben, einen solchen Freitod gewählt, da war sich Jack Dana sicher, zumal er zuvor noch seinem über alles geliebten Siam-Kater den Hals umgedreht haben soll. Niemals, niemals.

Louis Begley gilt heute als einer der besten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Geboren 1933 in Polen flohen seine Eltern mit ihm vor den Nazis in die USA. Bis 2004 war er dort in New York als überaus erfolgreicher Anwalt tätig, bevor er seine Karriere als Schriftsteller begann. Seine Bücher sind in 18 Sprachen übersetzt worden, seine Auszeichnungen sind vielfältig. Immer wieder hat sich Bagley mit gesellschaftlichen Verwerfungen befasst und dabei die Probleme und Abgründe der darin verstrickten Menschen in seinen Romanen thematisiert. Dabei ist es ihm gelungen,  sehr exakt die Psychologie der handelnden Personen zu beschreiben, um dann daraus Handlungsmuster zu entwickeln. 

Um dem Ganzen den besonders authentischen Rahmen zu geben, bettet er die Handlungsstränge in reale Ereignisse ein, oftmals verknüpft mit dem passenden geschichtlichen Hintergrund. Dabei bleiben seine Romane doch auch immer zeitnah und bewegen sich in realistischen Szenerien, die der Autor aus eigenem Erleben bestens kennt. Deshalb sind seine Romane kurzweilig und spannend, aber niemals flach. Zudem wird man mit Fragen von tiefem ethischen Hintergrund konfrontiert, deren Beantwortung der Protagonist in allen Romanen allein dem Leser überlässt. Alles zusammen macht die Faszination von Louis Begley aus, so auch in seinem aktuellen Werk: "Zeig dich Mörder". 

Sehr empfehlenswert

 Peter J. König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie  zum Suhrkampverlag und können das Buch bestellen. Sie können das Buch aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern. http://www.suhrkamp.de/buecher/zeig_dich_moerder-louis_begley_42466.html

Rezension: Literaturland Hessen- Das Lesebuch- Heiner Boehncke/ Hans Sarkowicz

Vor einigen Tagen habe ich "Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands" rezensiert. Die Autoren Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz  haben zu dem wunderbaren Buch noch ein begleitendes Lesebuch auf den Weg gebracht und die  ausgewählten Texte  in 10 Kapitel eingebunden.

Bei den Kapiteln handelt es sich um folgende:

-Literaturstadt Frankfurt
-Mit Goethe durch Hessen
-Von Residenz zu Residenz
-Grimm-Heimat Hessen
-Von den Minnesängern bis Grimmelshausen
-Kreuz und Quer durch Hessens Mitte
-Große Welt reist ins Bad
-Auf den Spuren der Romantiker
-Georg Büchner und der Vormärz in Hessen
-Ein rechtes Paradies. Hessens sonniger Süden

Viele bekannte und weniger bekannte Autoren und Auszüge aus deren Werken lernt man hier kennen. Da die Texte nicht sehr lang sind, eignen sie sich als Bettlektüre. Abend für Abend freut man sich auf einen neuen Text, da diese inhaltlich höchst verschiedene Themen aufgreifen, nicht nur deswegen, weil die Autoren in unterschiedlichen Jahrhunderten lebten, sondern auch  weil sie bemerkenswert unterschiedliche Interessen hatten.

Den jeweiligen Textauszügen sind erläuternde Gedanken vorangestellt, die die Einordnung erleichtern. Ich erwähnte in meiner Rezension "Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands" Bertha Pappenheim. Sie ging als "Anna O." in die Geschichte der Psychoanalyse ein. Von ihrer Erzählung "Die Erbschaft" wusste ich bis dato ebenso wenig wie von ihrem "Heim des Jüdischen Frauenbunds", das in der Pogromnacht 1938 teilweise zerstört wurde.

"Das Frankfurt-Buch- Achtzig Textbaustein" von Eva Demski hat mir sehr gut gefallen. So kann nur schreiben, wer seine Stadt liebt.

Wunderbare Texte von Goethe warten auf den Leser, der seinen 65. Geburtstag übrigens einst in Wiesbaden feierte, damals auch einige Tage im Sommerhaus der Brentanos im Rheingau weilte und von da aus Ausflüge in die Umgebung machte. Textstellen aus seinem Essay "Der Rheingau" habe ich mit großem Vergnügen studiert, aber auch Briefe aus dem Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von Willemer sind sehr lesenswert.

Auf keinen Fall werde ich hier  all die Autoren aufzählen, die im Buch versammelt sind. Erwähnen möchte ich aber Bonifatius, der im Sommer 751 an Papst Zacharias einen Brief schrieb und dieser Brief als Gründungsurkunde von Fulda gilt. Des Weiteren möchte  ich  auf die "Die blaue Blume" von Novalis hinweisen, weil diese Blume zuerst in einer hessischen Sage über den Odenberg bei Gudensberg erwähnt wird, demnach ebenso hessischen Ursprungs ist,  wie der Beginn der Romanhandlung "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann, den man im Buch ebenfalls nachlesen kann: "Der Rheingau hat mich hervorgebracht,….. "

Gefallen hat mir, dass man die Ballade  "Lore Lay" von Clemens Brentano nicht vergessen hat, die er Jahrzehnte vor Heinrich Heines "Loreley" auf den Weg brachte. Brentano legte seine Ballade in die Zeit der Wirren der Hexenverfolgungen in unserem Land. 

Von Büchner kann man nicht wenige Textauszüge lesen. Der Hessische Landbote bleibt nicht ausgespart. 

Womit aber beginnen? Vielleicht mit Georg Christoph Lichtenbergs "Über die Macht der Liebe" oder vielleicht mit dem Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" der Gebrüder Grimm, das wie alle Märchen, uns die Chance bietet,   viel über die Psyche der Menschen und ihre Traumwelten in Erfahrung zu bringen oder  vielleicht  doch  mit  Goethes Gedicht an Marianne?

Liebchen ach! im starren Bande
Zwängen sich die freien Lieder
Die im reinen Himmels-Lande
Munter folgen hin und wider.
Allem ist die Zeit verderblich
Sie erhalten sich allein.
Jede Zeile soll unsterblich
Ewig wie die Liebe  sein.
1815

Empfehlenswert 

Helga König

http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Waldemar_Kramer/Heiner_Boehncke-Hans_Sarkowicz-Literaturland_Hessen-EAN:9783737404594.html

Rezension: Literaturland Hessen- Literarische Streifzüge durch die Mitte Deutschlands- Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz

Autoren dieses beeindruckenden Buches sind Prof. Dr. Heiner Boehncke, der vergleichende Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt/Main lehrt und Hans Sarkowicz, der Leiter des Ressorts Literatur und Hörspiel im Hessischen Rundfunk. "Literaturland Hessen" nennt sich ein Projekt, das seit 2004 von hr –Kultur, der Kulturwelle des Hessischen Rundfunks, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Hessischen Literaturrat getragen wird. 

Erinnert wird an bedeutende Autorinnen und Autoren, an literarische Traditionen, Epochen, Verlage, Dichterhäuser, literarische Orte und Landschaften in Hessen. Das Projekt soll nicht als Literaturgeschichte begriffen werden, sondern soll Hauptlinien der Literatur in Hessen darstellen. Einen Verein der Freunde und Förderer des Literaturlandes Hessen e.V. gibt es übrigens seit 2011.

Das Buch ist in 10 Kapitel untergliedert und enthält eine Fülle von Informationen. Dabei geht es im ersten Kapitel um die Literaturstadt Frankfurt: Von Karl dem Großen bis zur Gegenwart. Seite für Seite lesen sich die Texte spannend. Sei es, wenn es um die Anfänge der Frankfurter Buchmesse geht oder um die Frankfurter Judengasse im Spiegel zeitgenössischer Berichte und man im Rahmen der einzelnen Beiträge auch stets aufs Neue alte Textauszüge lesen kann, die vortrefflich eingebunden, zum Gesamteindruck beitragen.  So liest man u.a. einen Auszug aus Heinrich Heines "Der Rabbi von Bacharach", der gerade einem Pogrom entkommen mit seiner Frau Sara nach Frankfurt an die Pforte des Ghettos kam.

"Aber auch in Frankfurter Kaufläden konnte die Literatur gedeihen. Das zeigt das Beispiel der Geschwister Brentanos…“ So beginnt der Beitrag über die Geschwister Brentano, die sicher vielen bekannt sind, vor allen Bettine, deren Großmutter übrigens die Schriftstellerin Sophie von La Roche war. Bettine, eine großartige Frau, die ihre gesellschaftliche Stellung dazu nutzte, um sich gegen das Elend der Massen ebenso zu engagieren wie für verhaftete Oppositionelle.

Ludwig Börne, auch die Frankfurter Nationalversammlung werden thematisiert und so vieles andere mehr, unmöglich es hier zu benennen. Auf Seite 72 angekommen, lese ich, dass die Frankfurter Kaufmannsfamilie Frank im Sommer 1933 ihre Heimatstadt Frankfurt verließ. Ihre Tochter Anne war gerade 4 Jahre alt. Über Aachen gelangte die Familie nach Amsterdam. Dass Anne 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, ist gewiss vielen bekannt und ihr Tagebuch haben auch nicht wenige gelesen, doch wer weiß schon, wo sie einst in Frankfurt wohnte?

Ich lese hier auch von Bertha Pappenheim, deren jüdisches Kinderheim 1938 niedergebrannt wurde, damals war sie  bereits nach schwerer Krankheit gestorben, nachdem die Gestapo sie 1936 verhaftet hatte. 

Auch über Marcel Reich-Ranicki  wird man informiert. Er begann 1958 bei der FAZ als Rezensent, dann trennten sich die Wege wieder,   denn er wurde 1960-1973 Literaturkritiker der Zeit, anschließend erst Leiter des Literaturblatts der FAZ und ab 1988 dann Moderator des Literarischen Quartetts. 

Was hier im Buch an Information geliefert wird, ist geradezu unglaublich: "Mit Goethe durch Hessen" habe ich besonders aufmerksam gelesen. Sehr gut geschrieben.

Die literarischen Streifzüge führen u.a. nach Kassel, wo einst  auch der Dichter Rilke weilte, nach Arolsen, auch nach Darmstadt, wo sich Goethe oft aufhielt und dort viele Freunde hatte. Karl Krolow starb 1999 in Darmstadt, ein begnadeter Lyriker, dessen Gedichte ich nun erneut lesen werde.

Anregend ist es, durch die Originaltexte im Buch zum Weiterlesen motiviert zu werden. Sei es im Hinblick auf die Gebrüder Grimm oder auch auf Minnesänger, wie etwa Konrad von Bickenbach oder Bligger von Steinach, die mir bislang nicht bekannt waren. 

Grimmelshausen galt im 17. Jahrhundert als einer der bedeutendsten deutschen Dichter. Der Autor des Simplicissimus Teutsch stammt aus Gelnhausen. Ich fand es sehr interessant,  mehr über seine Herkunft zu erfahren, aber auch über sein Leben, weil sich sein Buch auf diese Weise besser erschließt. 

Alle Städte, die hier gestreift werden, kann ich in der Rezension unmöglich aufführen, doch Wetzlar ist ein Muss, schon wegen Goethe, doch auch Bad Soden, Bad Nauheim und Wiesbaden sind eine Fundgrube für einen literarischen Streifzug. Georg Büchner und der Vormärz in Hessen wird sehr gut dargestellt und motiviert, sich in die Thematik zu vertiefen. Dann ist da noch "Hessens sonniger Süden", der mich, die ich dort geboren wurde, natürlich besonders interessiert, hier u.a. Orte wie Trebur und Lorsch, uralte Orte mit großer Geschichte, des Weiteren die Burgen an der Bergstraße, aus einer dieser Burgen stammte der Minnesänger Konrad von Bickenbach. Auf dessen Texte  bin ich besonders gespannt.


Ein gelungenes Buch. Ich empfehle es gerne. 

Helga König


Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Verlag Waldemar Kramer und können das Buch bestellen.http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Waldemar_Kramer/Heiner_Boehncke-Hans_Sarkowicz-Literaturland_Hessen-EAN:9783737404587.html. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension Peter J. König- Montecristo - Martin Suter- Diogenes

Martin Suters Roman "Montecristo", erschienen im Schweizer Diogenes Verlag hätte sich für die Veröffentlichung kein besseres Timing aussuchen können, als die aktuelle Periode um die Verhaftungen und bestürzenden Aufdeckungen rund um den Weltfußballverband FIFA in Zürich. Nicht nur, dass die Thematik dieses Werkes von Suter sich in der gleichen Grauzone und dem kriminellen Milieu bewegt wie die korrupten Machenschaften rund um die FIFA-Zentrale am Zürichberg, nein, auch der Protagonist Jonas Brand ist genau in jener Stadt zuhause. 

Und hier entwickelt sich der Romanverlauf, der ähnlich unglaublich und perfide ist, wie die aktuellen Enthüllungen in Sachen Weltfußball. Ob dies völlig dem Zufall geschuldet ist, oder ob der Schweizer Autor Martin Suter mit "Montechristo" versucht hat, wohlverstandene Andeutungen zu verarbeiten, dies ist letztendlich der Interpretation jedes einzelnen Lesers überlassen. 

Fakt jedenfalls ist, dass die Schweizer Bankenwelt arge Verluste bezüglich ihrer einstmals exzellenten weltweiten Reputation hinnehmen musste, nachdem die US-Finanzbehörden sie öffentlich der Geldwäsche und Steuerhinterziehung angeklagt haben, mit dem Ergebnis alle Konten von amerikanischen Steuerhinterziehern offen zu legen und zukünftig kooperativ mit den US-Behörden zusammen zu arbeiten. Genau dies ist das Milieu, indem sich Suters Roman bewegt, das Milieu der Schweizer Großbanken und ihrer Verstrickungen. 

Der Video-Journalist Jonas Brand, der sich mit Filmgeschichten für das Boulevard über Wasser hält, wird aufgeschreckt durch die Vollbremsung des abendlichen Intercitys, der die Pendler von Zürich nach Basel bringt. Der Speisewagen ist besetzt mit übermüdeten Bankern, die zu ihren Familien zurückkehren. Der abrupte Stop inmitten eines Tunnels und das aufgeschreckte Zugpersonal sind für Brand Zeichen genug, sofort mit seiner Videokamera aktiv zu werden, um einem Schaffner zum nächsten Ausgang zu folgen.

Aus der geöffneten Zugtür sieht er im diffusen Licht eine gekrümmte Leiche neben dem Intercity liegen. Trotz schlechter Bildqualität entscheidet er sich die gespenstige Szene aufzunehmen. Zurück im Speisewagen, verbringt er die anschließende Wartezeit mit kurzen Bildinterviews der Fahrgäste in der Hoffnung, diese bei den aktuellen Nachrichten eines Senders unterzubringen. Dies ist jedoch nicht die Welt, die Jonas Brand sich vorgestellt. Er sieht sich als der geborene Regisseur, der Filmemacher für das ganz große Kino. Schon einmal hat er sich mit seinem Projekt "Montechristo" bei der Schweizer Filmförderung beworben, einer modernen Fassung des Klassikers "Der Graf von Montechristo", leider jedoch mit wenig Erfolg. Aufgeben aber ist seine Sache nicht. Seine Chance wird kommen, da ist sich Brand ganz sicher. 

Der Zufall will es, dass Jonas Brand einige Tage später zwei 100 Franken-Noten in die Hände bekommt, die exakt die gleichen Ziffern haben. Dass hier etwas nicht stimmen kann, ahnt er sofort. Welche blutigen Machenschaften und Betrügereien im ganz großen Stil damit allerdings verbunden sind, die die gesamte internationale Finanzwelt aus den Fugen geraten lassen können, wird ihm auch dann nicht klar, als er überraschend doch noch eine Zusage für sein Filmprojekt "Montechristo" erhält. 

Was seine neue Freundin Marina Ruiz anbetrifft, einer Eventmanagerin, da ist sich Brand allerdings ganz sicher, dass sie in der größten Gefahr seine einzig verbliebene Vertraute ist. Wenn er sich da nicht ein weiteres Mal irrt?

Martin Suter, der Schweizer Erfolgsautor mit Bestsellerqualität und einer riesigen Fangemeinde hat hier erneut einen spannenden Roman verfasst, der so direkt und wirklichkeitsnah erzählt ist, dass der Leser keinen Augenblick zögert, hinter allem vertuschte Realität zu vermuten. Dass die Fiktion des Romans eine derartige Wirklichkeit ausstrahlt, zeigt zum einen die großen schriftstellerischen Fähigkeiten von Martin Suter, zum anderen aber auch wie gut er sich in dem Metier der Schweizer Bankenwelt auskennt oder zumindest wie exzellent er recherchiert hat. Dies gilt auch für das jeweilige Milieu, in dem sein Protagonist sich bewegt. Gleichgültig wo auf der Welt er gerade ist, wie z. B. im Hotel Oriental in Bangkok, immer hat der Leser das Gefühl unmittelbar dabei zu sein. Der Wiedererkennens- Wert ist äußerst faszinierend. 

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

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Rezension: Die Frau auf der Treppe- Bernhard Schlink- Diogenes

Bernhard Schlink wird im Juli 71 Jahre alt. Der Schriftsteller gehört demnach vom Alter her der 68 er Generation an. Als Juraprofessor lehrte der Romancier bis 2009 an der Humboldt-Universität in Berlin Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie und hat mit dem Roman "Der Vorleser" 1995 einen internationalen Bestseller geschrieben, dem andere Bücher und eine Fülle von Ehrungen folgten. 

Mit "Die Frau auf der Treppe" legt Schlink einen Roman vor, der u.a. in der Kunstszene spielt und in dem die 68er-Vergangenheit mit dem Jetzt zeitreisend verquickt worden ist. 

Drei Männer mit ihren egoistischen Ansprüchen tummeln sich um eine vormals schöne, unangepasste Frau, die man als Metapher jener längst vergangenen Zeit interpretieren kann und überleben diese schließlich als in die Jahre gekommenen, wohlsituierten Herren. 

Irene, einst Kunststudentin mit revolutionärem Anspruch, nun Krankenschwester in Australien, scheint- obgleich  jünger als diese Männer, alt geworden und stirbt schließlich an Krebs. 

Weshalb wollen die Männer nach 40 Jahren diese Frau nochmals sehen? Letztlich aus dem gleichen Grund, weshalb andere Trophäen dieser Männergeneration neuerdings vor die Scheinwerfer gezerrt werden. Um sich zu versichern, jene schöne Zeit sei hässlich geworden,  man muss ihr nicht mehr nachtrauern. Auf Bildern konserviert, kann man sich für Minuten zurücksehnen, sich  für Momente nochmals jung fühlen. Doch die Realität zeigt  etwas anderes. Diesen Spuren der Zeit, ja dem Zeitgeist selbst,  kann die Schöne von gestern nicht entgehen. 

Schlink legt der jungen Irene einen Gedanken in den Mund, der zum Schlüssel des Romans wird: "Zum Jungsein gehört das Gefühl, alles könne wieder gut werden, alles, was schief gelaufen ist, was wir versäumt, was wir verbrochen haben. Wenn wir das Gefühl nicht mehr haben, wenn Ereignisse und Erfahrungen unwiederbringlich werden, sind wir alt. Ich habe das Gefühl nicht mehr."

Damals war Irene 20 Jahre alt, doch ihre Zeit war bereits vorbei, sie wusste es, weil der 68er Frühling schon beendet war und genau deshalb alterte sie rasch. Alles hat seine Zeit, auch die wirklichen Protagonisten in der Zeit.

Was den Männern blieb, war der Traum von einer schönen, unangepassten Frau, mit der keiner wirklich längerfristig zu leben gedachte, sondern sie nur ab und an als Gemälde bewundern wollten, von dem man nicht genau sagen konnte, ob es letztlich gnadenlos kitschig war. Ein Gemälde, geschaffen von einem Künstler, dessen kreativste Zeit vor über 40 Jahren schon zu Ende gegangen war....

Haben alle, letztlich auch der Ich-Erzähler, Verrat begangen an der schönen Frau ihrer Jugend-Träume? Diese Frage sollte jeder für sich selbst beantworten.

Ein tiefsinniger Roman. 

Empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Reden, die unsere Welt veränderten- Insel

Dieses Buch enthält 64 der berühmtesten Reden aus unterschiedlichen Jahr- hunderten. Dabei führt der britische Historiker und Bestsellerautor Simon Montefiore in dieses beeindruckende Werk ein und verdeutlicht zunächst, was eine große Rede ausmacht.

Nicht zwingend müsse sie ihre Zeit erfassen; durchaus könne sie auch Ausdruck einer großen Lüge sein.

Die vorliegende Sammlung enthält nicht wenige ewige Wahrheiten und die meisten dieser Reden zeichnen sich durch eine einfache, klare Sprache aus

Manchmal ist die Geisteshaltung des Redners durch Wahn gekennzeichnet und so muss mann erkennen, dass Worte durchaus auch Sachverhalte verzerren und verschleiern können, d.h. nicht nur zu enthüllen und zu erleuchten vermögen. Wie Montefiore zutreffend schreibt, offenbaren viele der Reden die Charaktermängel aber auch die Tugenden der Redner. 

Vor allen Reden ist stets der historische Hintergrund skizziert, zudem erhält man einen biografischen Überblick. Auch ein Foto oder Gemäldeabdruck des Redners ist dabei und schließlich die Rede selbst. 

Auf 64 Reden hier näher einzugehen führt zu weit. Natürlich ist es erhellend die Reden der Despoten wie Hitler und Stalin zu lesen, aber berühren können diese nicht. 

Das können  Reden  wie die Neujahrsansprache zur kommunistischen Vergangenheit, vom 1. 1. 1990, von Václav Havel, die ich hier am liebsten vollständig wiedergeben würde und noch mehr die Rede des Friedensnobelpreisträgers Professor Elie Wiesel, die er am 12.4.1999 zu den unheilvollen Ereignissen des 20. Jahrhunderts hielt. 

Aus dieser Rede möchte ich einige Zeilen zitieren: "Gleichgültigkeit löst keine Reaktion aus. Gleichgültigkeit ist keine Reaktion. Gleichgültigkeit ist kein Anfang, sondern ein Ende. Und daher ist Gleichgültigkeit immer der Freund des Feindes, denn er nützt dem Aggressor- nie seinem Opfer, dessen Schmerz noch wächst, wenn er oder sie sich vergessen fühlt. Der politische Gefangene in seiner Zelle, das hungrige Kind, der heimatlose Flüchtling- auf ihre Not nicht zu reagieren, ihre Einsamkeit nicht zu mildern, indem man ihnen einen Funken Hoffnung bietet, heißt sie aus dem Gedächtnis zu tilgen.“ 

Ich empfehle das Buch ausdrücklich zum besseren Verständnis im Hinblick auf Gut und Böse, aber vor allem, um zu erkennen, wodurch sich redliche und dabei sehr mutige Menschen von anderen in Geisteshaltung und  ihren Worten unterscheiden.  

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension Peter J. König: Unterwerfung- Michel Houellebecq - Dumont

Einer der besten zeitgenössischen Schriftsteller Frankreichs, Michel Houellebecq, er wurde bereits mit dem angesehensten Buchpreis ausgezeichnet, den die "Grande Nation" verleiht, nämlich dem "Prix Goncourt", hat in seinem neuen Roman "Unterwerfung" wieder einmal die aktuellen Probleme unserer Zeit in seiner ureigenen Erzählweise angesprochen. Dabei handelt es sich um die kulturellen Auseinandersetzungen, die schon seit einigen Jahren Frankreich erschüttern. Begonnen hat alles mit den Unruhen in den tristen "Banlieues", also den Vorstädten von Paris und anderen großen Städten, wo muslimische Jugendliche auf ihre persönliche Ausweglosigkeit mit Gewaltexzessen antworteten. 

Dieses Szenario hat Houellebecq weiter entwickelt, indem er eine fiktive politische Situation aufzeichnet, wie sie in naher Zukunft sich darstellen könnte. Die zwei großen Parteien auf der rechten und linken Seite des politischen Spektrums, also Konservative und Linke haben sich verschlissen, die größten Chancen bei der bevorstehenden Präsidentenwahl haben der Kandidat der Muslimbruderschaft und Marine LePen vom Front National. 

Houellebecqs Protagonist Francois, ein Hochschullehrer für Literatur, der über das Leben und die Arbeit des dekadenten Schriftsteller Huysmans forscht und lehrt, erlebt direkt den Machtkampf um das französische Präsidentenamt, wobei zwei extreme Anschauungen aufeinanderprallen, die des ultrarechten Front National und die der Muslimbruderschaft mit seinem islamischen Fundamentalismus. 

Im Zuge der Wahl kommt es zu Ausschreitungen, als klar wird, dass der Kandidat der Muslime sich berechtigte Hoffnungen machen kann, die Präsidentschaft zu gewinnen. Frankreich steht am Rande eines Bürgerkrieges. Obwohl dies verhindert werden konnte, kommt es nach dem Wahlsieg der Bruderschaft zu totalen gesellschaftlichen Veränderungen, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfassen. 

Auch Francois ist unmittelbar betroffen, als ihm nahegelegt wird, seine Lehrtätigkeit einzustellen, um in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, da seine Thematik im Sinne des Islam nicht erwünscht ist. Ausgestattet mit einer üppigen Pension macht er sich auf den Weg Frankreich in Richtung Spanien zu verlassen. 

Michel Houellebecq wäre nicht Michel Houellebecq wenn sein Roman "Unterwerfung" nicht wie seine früheren Werke sich durch eine gehörige Portion Provokation, gepaart mit Ironie, einer möglichen Vision und durch eine schonungslose Sprache auszeichnen würde. Wie alle seine früheren Akteure ist auch Francois vom Leben enttäuscht, geradezu angewidert, da helfen auch seine permanenten sexuellen Wechselbeziehungen zu seinen Studentinnen nichts. 

Doch dies ist nur der äußere Rahmen den Houllebecq stets wählt um eine tiefere Problemwelt aufzuzeigen. In "Unterwerfung" sieht der Autor einen Machtkampf der Kulturen heraufziehen und er scheut sich nicht den Ausgang dieser Auseinandersetzung zu thematisieren. Als gesellschaftlicher Vordenker hat Houellebecq es immer verstanden zu polarisieren, ohne Rücksicht auf seine eigene Person. Es ist schon irgendwie schicksalshaft, dass das Erscheinungsdatum zu seinem neuen Roman "Unterwerfung" unmittelbar mit dem Attentat auf die Macher des Satiremagazins "Charlie Hebdo" zusammenfällt, wird dadurch doch die Fiktion des Buches durch die Realität eingeholt. 

So brutal die realen Ereignisse sich darstellen, so schonungslos ist auch die Sprache, die für Houellebecq so typisch ist. Ungeschminkter Realismus, tabulos und direkt, damit tritt der Autor an seine Leser heran. Für viele mag das abstoßend sein, aber hierin liegen die große Stärke und die unverkennbare Einzigartigkeit des Schriftstellers Houellebecq. 

Das Spannungsfeld zwischen dem Sinn des Lebens und einer permanenten Sinnlosigkeit, hierauf versteht sich Houellebecq meisterlich. Hinzu kommt eine große Intellektualität, die dem Leser ständig eigene Fragen stellt, unabhängig von der politisch gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie der Roman zeigt. "Unterwerfung" von Michel Houellebecq, erschienen im Dumont-Verlag ist ein bedeutendes Buch, das durch seine Aktualität einen intellektuellen Beitrag zur jetzigen Situation in der europäischen Gesellschaft leistet. Darüber hinaus zeigt es einen großartigen Houellebecq, der verdeutlicht welchen außergewöhnlichen Rang er in der französischen und europäischen Literatur einnimmt.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

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Rezension: #Kameliendame- Alexandre Dumas

Der junge Bürgersohn Armand Duval verliebt sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris in die schwindsüchtige Kurtisane Marguerite Gautier. Die bildschöne junge Frau wird von diversen Aristokraten auf hohem Niveau finanziert und steht ihnen im Gegenzug als glamouröse Begleiterin fürs Theater und für die Oper, nicht zuletzt jedoch für amouröse Spiele zu Verfügung. 

Marguerite gilt im damaligen Paris als eine der teuersten Mätressen. Armand weiß, dass er alleine ihren hochpreisigen Lebensstandart niemals finanzieren kann und sich diese Frau insofern mit anderen Liebhabern teilen muss. 

Als Marguerite Armands Liebe zu erwidern beginnt und die beiden Verliebten gemeinsam aufs Land gehen, um ihre Zweisamkeit ungestört zu genießen, ermahnt Armands Vater den Sohn aus Vernunftsgründen diese unschickliche Beziehung zu beenden. Doch Armand möchte die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die zwar den Umgang mit Kokotten erlauben, aber feste Bindungen zu ihnen nicht vorsehen, keinesfalls akzeptieren. Deshalb bittet der alte Duval Marguerite sich der Konvention wegen von Armand zu trennen. 

Aus Liebe zu Armand willigt sie in den Wunsch seines Vaters ein und stirbt kurz darauf nicht zuletzt aufgrund ihres großen Kummers. Als Armand nach dem einsamen Tod seiner Geliebten die wahren Gründe ihrer für ihn bislang nicht nachvollziehbaren Trennung erfährt, ist er untröstlich.... 

Dumas setzt sich in diesem Roman mit der gesellschaftlichen Doppelmoral seiner Zeit auseinander. Er zeigt die Halbwelt, in der nicht nur Maitressen, sondern auch die Spieltische so manchen jungen Mann ruiniert haben und von Haus aus unbegüterte, hübsche Mädchen wegen der subtilen Verlockungen durch den Luxus letztlich ins Elend getrieben wurden. 

Ein immer wieder ergreifender Roman!

Empfehlenswert.

Helga König

Im Fachhandel erhältlich.

Rezension: Die Hexe von Freiburg- Astrid Fritz

Die Germanistin Astrid Fritz befasst sich in ihrem packend geschriebenen Roman mit dem Leben und Sterben der Patrizierin Catharina Stadellmenin. Diese intelligente, couragierte und noch dazu schöne Frau hat in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts in Freiburg gelebt und wurde, im Zuge des allgemeinen Hexenwahns aufgrund von diesbezüglichen Denunziationen inhaftiert, grausam gefoltert und gemeinsam mit zwei weiteren Damen der dortigen Oberschicht 1599 verbrannt.

Geboren als Tochter eines Marienbilder-Malers lebt Catharina zunächst in der Obhut ihres Vaters, der sie - für diese Zeit ungewöhnlich - lesen und schreiben lehrt. Nach dem Tod ihrer Mutter wächst das Mädchen bei ihrer Tante auf, um schließlich nach der unglücklich verlaufenden Liebe zu ihrem Vetter Christoph den Freiburger Zunftmeister der Schlossergilde und späteren Stadtrat Michael Bantzer zu heiraten. Die Ehe mit diesem Mann wird als missraten geschildert; Michael ist gewalttätig. Er demütigt Catharina öffentlich aber auch privat und prügelt sie erbarmungslos.

Als ihr Gatte unerwartet stirbt, erwirbt die Witwe, nach erheblichen Schwierigkeiten mit der Schlosserzunft, die sich die Hinterlassenschaft ihres Mannes zu großen Teilen aneignen möchte, eine Lizenz zum Bierbrauen und versucht auf diese Weise ihr zukünftiges Leben zu sichern. Zu diesem Zeitpunkt wird Catharina als Hexe denunziert, peinlich verhört und schließlich nach vorheriger Enthauptung , die aufgrund erfolgreicher Fürsprachen erfolgte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Christoph, ihre große Liebe, dem sie nach dem Ableben Michaels erneut begegnet war, erwies sich als wahrliche Stütze in Catharinas letzten Stunden.

Die Autorin hat einen hervorragend recherchierten Roman geschrieben. Sehr detailliert weist sie auf den Unterschied zwischen Land - und Stadtleben in damaliger Zeit hin, richtet ihren Blick auf Wohlstand und Armut, auf diese unüberbrückbaren Gegensätze mit ihren verheerenden Folgen in jener Zeit, so etwa für Kranke oder für Reisende. Vom Damoklesschwert , das über Hebammen hing, spricht die Autorin ebenso, wie über die tötlichen Gefahren, denen Frauen sich aussetzten, wenn sie sich zu Abtreibungen entschieden. Auch vom Zunftwesen ist die Rede, hauptsächlich von den sich daraus ergebenden Zwängen. Gezeigt wird am Beispiel Catharinas, welche Einschnitte in ihr tägliches Leben sie seitens der Gilde ihres Mannes akzeptieren musste.

So gab es demnach für Frauen nicht nur eine individuelle Bevormundung durch den Ehemann, sondern eine allgemeine durch einschlägige Männerbündnisse. Nicht zuletzt befasst sich die Autorin sehr ausführlich mit dem Hexenwahn, der in den Köpfen tobte. Es gelingt ihr, die Infamie aber auch die Absurdität der damaligen Gerichtsverhandlungen vor Augen zu führen und zu zeigen, dass die Chance einen so genannten Hexenprozess heil zu überstehen gleich Null war. Die Ursachen der Denunziationen, so erfährt man, waren in der Regel Neid, absonderliche Sexualprojektionen, der abstruse Zeitgeist und natürlich immer wieder Habgier, denn das Erbe dieser gepeinigten Frauen ging in der Regel an die Kirche oder an die weltliche Obrigkeit.

Der Fall Catharina Stadellmenin ist einer unter 100.000. Er ist exemplarisch für das Unrecht, das im Namen der Justiz an Frauen jener Zeit begangen wurde. 

Ein wirklich empfehlenswerter Roman.

Helga König

Im Fachhandel erhältlich


Rezension:Im Westen Nichts Neues - Erich Maria Remarque

Das von den Nazis verbotene Buch des Schriftstellers Erich Maria Remarque ist ein Anti-Kriegs-Roman, der die grauenhaften Geschehnisse während des 1. Weltkrieges darstellt und zwar aus der Sicht des neunzehnjährigen Soldaten und vormaligen Schülers Paul Bäumer.

Er beschreibt wie ihm zunächst während der soldatischen Grundausbildung, alle kulturellen Neigungen und zivilisatorischen Instinkte abtrainiert werden und am Ende eine bloße Kampfmaschine -statt seiner- zurück bleibt. Die Erlebnisse an der Front, die unentwegte Gegenwart des Todes, die Gasangriffe, der Anblick der Verwundeten, das Töten mit Spaten und Bajonetten, das ohrenbetäubende Geschrei angeschossener, verendender Pferde, das Gewimmer junger, sterbender Menschen, sowie der Hunger führen zu unendlicher Verrohung im generellen Habitus zueinander und dem Ende humanitärer Verhaltensweisen.

Bäumer bemerkt seine innere Wandlung und fragt sich, ob ein Mensch, dessen erste Berufsausübung das Töten seiner Mitmenschen zum Gegenstand hat, in der Folge überhaupt noch zu einem vernunftsorientierten, friedlich-bürgerlichen Leben in der Lage sein kann

Die beschriebenden Kriegsszenen gehen sehr unter die Haut. Man spürt die Angst und den unsäglichen Schmerz der Akteure und wird durch die Brisanz des Grauens geradezu gezwungen die Absurtität zu erkennen, die hinter diesem unendlichen Blutvergießen steht. Remarque zeigt die Schwerverwundeten in den Krankenhäusern, die Qual und die Verzagtheit der Amputierten, die vielen jungen verstümmelten Menschen, deren Leben im Grunde zu Ende ist, noch bevor es begonnen hat.

Mehr als vierzig Jahre hatte die vorherige Generation im Frieden gelebt und benebelt von der, dem 1. Weltkrieg vorausgehenden, Belle Epoque, zu wenig gewarnt vor den Folgen, die sich aus kriegerischen Auseinandersetzungen ergeben, noch dazu mit technisch veränderten Waffen. Die Desillusionierung durch die mörderische Realität hat dann wohl eine ganze Generation geprägt.

Empfehlenswert.

Überall im Handel erhältlich.

Rezension: "Über den Hass"- Manès Sperber, Band, 4, Der Kanon- Die Deutsche Literatur-Essays

Man hasst jene Menschen, die man entstellt hat, und man entstellt sie, um sie hassen zu können." (Manès Sperber, S. 463).

Der Philosoph Manès Sperber (1905-1984) hat für seine Werke eine Vielzahl von Auszeichnungen erhalten,  nicht zuletzt auch den Georg-Büchner-Preis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Im 4. Band der Kassette "Der Kanon"- Die Deutsche Literatur- Essays hat man Gelegenheit seinen Essay "Über den Hass" zu lesen. Wie Sperber gleich zu Beginn schreibt, weiß im Gegensatz zum Hass die Liebe nichts von ihren Gründen und zwar "bis zu jenem Augenblick, in dem sie, um sich zu erhalten, von ihnen zu zehren beginnt; daran stirbt die Leidenschaft." (S. 443).

Hass hingegen suche unaufhörlich nach vernünftigen Gründen. Er möchte nicht Gefühl, vielmehr Überzeugung sein, Überzeugung, die auf einer unwiderlegbaren Erfahrung beruhe. Ein Mensch, der vom Hass verfolgt werde, könne nichts unternehmen, dass ihn in den Augen seiner Feinde weniger hassenwerter erscheinen ließ; er sei ebenso machtlos wie jene Menschen, von denen sich ein Paranoiker verfolgt glaube. 

Während der  "funktionelle Hass" verschwindet, wenn er nicht mehr angestachelt wird, gibt es einen Hass, der seit Jahrhunderten besteht. Er trägt den Namen "Antisemitismus". Über die historischen Wurzeln dieses abgründigen Hasses schreibt Sperber unter anderem in diesem brillanten Essay.

Der Philosoph hält diesen totalen Hass zu Recht für eine dauerhafte und gefährliche Erscheinung und verdeutlicht die Motive, die ich vor einigen Tagen in einem Beitrag zu "Gedanken zur Ethik und Kultur" eingebunden habe und es nicht grundlos erneut tue:

Sperber schreibt den Hass analysierend:

"Nun kann man aber bei jedem vom Hass bessenen Menschen diese besondere Angst feststellen; sie treibt ihn dazu, die Schuld für jene Unsicherheit, welche das Zwielichtige seines Wesens bestimmt, in einem anderen zu suchen. Deshalb hasst er im anderen:

1. Die Eigenschaften und Merkmale, die er selbst nicht oder nur in ungenügendem Maße besitzt, was er als unerträglich empfindet. Daher auch entwertet er diese, indem, er sie in unheimlicher Weise verdächtig macht;

2. die Fehler, von denen er sich selbst befreien möchte. Es fällt ihm leichter, diese bei sich selbst zu entschuldigen und zu verbergen, wenn er sie beim anderen ins Groteske steigert;

3. die Überlegenheit des anderen auf Gebieten, auf denen er sich hoffnungslos unterlegen weiß;

4. die Schwäche, den fehlenden Willen, oder im Gegenteil die Kraft, mit der sich der andere gegen seine Verfolger zur Wehr setzt. In allen drei Fällen findet der Hass die Bestätigung seiner sämtlichen Gründe, indem er bald eine unwürdige Heuchelei vermutet, hinter der sich eine verächtliche Feigheit versteckt, bald einen unergründlichen Hass;

5. Der Mut oder die Fähigkeit, sich Befriedigung zu verschaffen, von denen er zwar träumt, die er zu suchen aber nicht wagt oder die zu erlangen im nicht gelingt.

6. alles, was an den gehassten Menschen sympathisch, ehrbar oder bewundernswert macht, alles, wodurch er den Hass entwaffnen könnte, wird als Verstellung, als Verheimlichung, als verwerflicher Trick oder irreführende List entlarvt: der Hass aber findet in all dem einen zusätzlichen Beweis dafür, dass seine Opfer es "objektiv" verdient, der allgemeinen Verachtung ausgesetzt zu werden.(…)…"(S. 460ff)

Die Logik des Hasses agiere auf zweierlei Arten. Sie totalisiere und atomisiere. Der Mensch, der hasse, entpersönliche den, den er hasst und zwar in affektiver Weise. Da ein Mensch nicht dauerhaft hassen könne, muss man davon ausgehen, dass es sich bei totalem Hass um eine Krankheit, bzw. um partiellen Wahnsinn handele.

"Man hasst jene Menschen, die man entstellt hat, und man entstellt sie, um sie hassen zu können." (S. 463).

Die Ursache besteht darin, durch die absolute Negation des fremden Wertes die absolute Bestätigung des eigenen zu finden, so Sperber. "Der Mensch, der hasst, möchte nicht nur vernichten, sondern er will zudem verachten, die er zu entwerten sucht." (S. 464)

Der größte Triumph eines Menschen, der total dem Hass verfallen ist, sei jener, den Tag zu erleben, an dem die gehasste Person endlich kapituliere und sich offen selbst verachte. In einem solchen Fall würde der Hass   ein wenig gemildert und für kurze Zeit Ruhe finden.

Alle verhöhnten, gehassten Minderheiten können früher oder später feststellen, dass ihre Feinde nicht das Geringste von ihnen wissen, resümiert Manès Sperber.

Die Demagogen unserer Welt schüren Feindschaft und Hass noch immer, natürlich  ihres Vorteils wegen. Wer Hass beseitigen will, muss diesen Hass-Predigern, die  neuerdings auch im Marketing ihr Unwesen treiben, ohne Wenn und Aber den Garaus machen, so mein Fazit.

Ich stimme mit Sperber darin überein, dass abgründig hassende Menschen geisteskrank sind.

Empfehlenswert.

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Rezension: Die Vermessung der Welt- Daniel Kehlmann

Die Protagonisten dieses Romans sind die Naturforscher Freiherr Alexander von Humboldt und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Obgleich beide Ende des 18. Jahrhunderts damit beginnen die Erde zu vermessen, lernen sie sich erst viele Jahre später in Berlin persönlich kennen und werden dort in politische Turbulenzen hineingezogen, die auf diese, sich mit Zahlen und Fakten befassenden Männer in erster Linie befremdlich wirken. 

Humboldt, so erfährt man, forschte gemeinsam mit dem Botaniker Aime Bonpland in Mittel- und Südamerika. Er befuhr den Orinoko, wurde dabei unsäglich von Moskitos gequält, bestimmte aber dennoch den Verlauf des Rio Casiquiare, nahm genaue Orts- und Höhenbestimmungen vor und maß immer wieder Temperaturen. 

Später lebte der Aristokrat in Paris und wertete dort die Fakten seiner Expedition aus. Schon beinahe sechzigjährig reiste er, nach vorheriger Absprache mit Gauß, der seine wissenschaftlichen Erkenntnisse lieber zuhause von seinem Schreibtisch aus durch Nachdenken erwarb, an den Ural, um seine Arbeiten fortzusetzen. 

Das mathematische Genie Gauß war Professor für Mathematik in Göttingen. Der Begründer der modernen Zahlentheorie, so erfährt man, befasste sich u. a. mit schwer verständlicher Himmelsmechanik und vermaß das Königreich Hannover. Beide Personen werden vom Autor als sehr eigenwillig gezeichnet. 

Der Humanist Humboldt hat große Schwierigkeiten mit seinen Mitmenschen espritvolle Dialoge zu führen. Durch einen Schwall staubtrockener Zahlen bringt er seine Gegenüber immer wieder zum Schweigen. Er fordert von sich und seinem Umfeld stets viel und ist unnachgiebig, wenn er ein Projekt durchziehen möchte. 

Bonplant, sein französischer Reisebegleiter, lernt in Humboldt einen beinharten, unduldsamen Preußen kennen. Der hochintelligente Gauß empfindet - in Kehlmanns Buch- seine Mitmenschen, insbesondere seine Studenten und seinen Sohn Eugen als unverzeihliche Zumutung. Er leidet darunter, dass die Menschen, wenn überhaupt, nur sehr langsam begreifen. 

Gauß ist geistig seiner Zeit um Meilenschritte voraus und langweilt sich, weil alles nicht schneller vorangeht. Eine Begegnung mit Kant ist für ihn auch nicht ergiebig. Goethe und Schiller nimmt er nicht ernst. Die wahre Erkenntnis lässt sich nur aus den Naturwissenschaften ziehen, alles andere ist für Gauß eher unbedeutend. 

Für die Zahlenakrobaten Gauß und Humboldt besteht die Welt in Linien und Quadraten, mit denen man sich auseinanderzusetzen und die man zu begreifen hat. Das tun die beiden mit unterschiedlichen Methoden. Der Mensch ist für diese beiden Herren kein Forschungsobjekt, sieht man mal davon ab, dass Humboldt irgendwann eine statistische Erhebung über die Anzahl der Kopfläuse von Eingeborenen vornimmt. 

Kehlmann macht in seinem gehaltvollen und dabei spannenden Roman deutlich, dass in jedem Genie auch ein Mensch steckt und man mithin besser vorsichtig sein soll, wenn man sich einer Person nähert, die auf einem Sockel steht. Bei ungeschicktem Blickwinkel könnte man enttäuscht werden, da bekanntermaßen selten wirklich alles stimmig ist. 

Man hüte sich davor einem Genie gottgleiche Züge anzudichten. Kehlmann weiß das. Darüber hinaus hat der Autor hochinteressante, wissenschaftsgeschichtliche Informationen in sein Buch eingeflochten, die dazu anregen,  sich  auf vielleicht ganz neues Terrain zu begeben. 
Empfehlenswert,

Helga König, 16.10.2005